27.03.26 PM: Ehrliche Risikoaufklärung anstatt unwissenschaftlicher Verharmlosung

Die Aussage, die vorliegenden Daten gäben nicht her, dass eine Abtreibung die psychische Gesundheit negativ beeinflussen könne, die in der Februarausgabe von Medical Tribune von Dr. Esther Braun getroffen wurde, ist in dieser Allgemeinheit nicht überzeugend.

Gerade die neuere Literatur zeigt eben nicht die Unbedenklichkeit des sogenannten Schwangerschaftsabbruchs, sondern vor allem eines: Die Frage ist ernst, klinisch relevant und darf nicht bagatellisiert werden. David Reardon arbeitet in seinem Übersichtsartikel ausdrücklich heraus, dass eine Abtreibung in der Anamnese in der Literatur konsistent mit erhöhten Raten psychischer Störungen assoziiert ist, dass der Eingriff bei einem Teil der Frauen selbst zu psychischen Problemen beitragen kann und dass es gerade nicht (!) möglich ist, aus den methodischen Schwierigkeiten der Forschung eine Entwarnung abzuleiten. Wer daraus eine generelle psychische Harmlosigkeit der Abtreibung ableiten möchte, liest mehr in die Daten hinein, als diese hergeben.

Besonders gewichtig ist in diesem Zusammenhang die aktuelle kanadische Registerstudie aus Québec. Sie umfasst 28.721 Abtreibungen und 1.228.807 Geburten in Krankenhäusern zwischen 2006 und 2022 und beobachtete die Frauen bis zu 17 Jahre nach Schwangerschaftsende. Die Raten psychisch bedingter Hospitalisierungen lagen nach Abbruch deutlich höher als nach ausgetragener Schwangerschaft; berichtet wurden erhöhte Risiken für psychische Störungen insgesamt, für Substanzgebrauchsstörungen und für Suizidversuche. Auffällig ist zudem, dass die Risiken bei Frauen unter 25 Jahren sowie bei vorbestehender psychischer Erkrankung noch ausgeprägter waren. Das sind statistische Befunde, die man in einer redlichen Aufklärung nicht unterschlagen darf.

Natürlich folgt daraus nicht, dass jede Frau nach einer Abtreibung psychisch erkrankt. Aber ebenso wenig folgt daraus, dass die Abtreibung psychisch unbedenklich sei. Genau diese rhetorische Verkürzung begegnet einem in der öffentlichen Debatte immer wieder. Medizinisch und ethisch geboten wäre stattdessen eine ehrliche Risikoaufklärung: Vorerkrankungen, innere Ambivalenz, sozialer Druck und junge Lebensjahre erhöhen offenbar die Vulnerabilität. Gerade Frauen in seelischer Not verdienen daher nicht beschwichtigende Formeln, sondern einen Schutzraum, ernsthafte Beratung und eine Medizin, die auch mögliche Langzeitfolgen klar benennt.

Abschließend sei betont: Ärztliche Verantwortung darf sich nicht in einer verkürzten Rede über „reproduktive Rechte“ erschöpfen. Sie hat immer Mutter und ungeborenes Kind im Blick. Gerade weil die Datenlage methodische Grenzen hat und definitive Kausalattributionen nicht zulässt, ist Zurückhaltung gegenüber pauschalen Entwarnungen geboten.

für den Verein Ärzte für das Leben e.V.

Dr. med. Alexander Giannakis

FA Psychiatrie & Psychotherapie

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